Textsammlung

Übergänge

Es ist ja nichts Neues mehr: die großen Kirchen stehen vor großen Umbrüchen. Kaum noch jemand kann es leugnen, dass die Zeiten der Kirchen, zu denen man leicht zu Fuß gehen kann, vorbei sind. Viele Seiten Papier und viele Bytes Internet sind darüber schon geschrieben worden — Ursachen erkundet, Situation analysiert, Veränderungen beschworen.

Wenn wir uns in der Welt generell umschauen, so leben wir in einer Zeit großer Umbrüche. Auch an den verschiedensten anderen Stellen verändern sich oder enden Dinge; geben äußere Umstände vor, dass wir — als Individuum und als Gesellschaft – uns anpassen müssen. Warum sollten da gerade die Kirchen eine Ausnahme sein?

Eines der Themen, bei dem die Kompetenz der Kirchen in der Gesellschaft – neben allem Autoritätsverlust -ziemlich unbestritten ist, ist es, große biographische Änderungen zu begleiten, zu feiern und in den Mittelpunkt zu nehmen: auf dem Weg vom Kind zum Erwachsenen, im Leben der Erwachsenen und auch im Tod. Nun betreffen Änderungen die Kirche in ihrer Existenz selbst. Wo sind aber die eigenen Rituale und Möglichkeiten, diese Änderungen zu begleiten? Wo werden Abschiede von Gemeinden, von kirchlichen Orten oder Veränderungen von Pfarreien als begleitenswerte, als ernstzunehmende und als theologisch aufzugreifende Prozesse verstanden?

Es scheint mir, als wäre eines der Themen der Menschen, die da sind und noch mit großer Sehnsucht auf die zu Ende gehende Form von Kirche blicken, dass sie sich in ihren Bedürfnissen und Erwartungen nicht ernstgenommen fühlen. Aber ist es nicht ein für alle Seiten ehrlicher Umgang, wenn man auch die Trauer dieser Menschen ernst nimmt und ihnen Möglichkeiten gibt, dieser Trauer Ausdruck zu verleien? Trauerbegleitung — das ist ja der Kirche nichts Fremdes. Aber echte Trauerbegleitung verspricht nicht, dass sie etwas zurückbringen kann, das von uns gegangen ist — und so wäre für mich auch die ehrliche Form der Trauer um die Kirche zu sagen: diese Phase ist zu Ende, wir müssen uns jetzt gemeinsam auf etwas Neues einstellen.

Wenn es aber ehrliche, echte Trauer geben darf und man sich dieser gemeinsam ernsthaft stellt, dann kann doch dadurch Raum für Neues enstehen. Energie für die nächste Phase freigegeben werden. Und irgendwann wieder Tag für Tag mit Zuversicht in Angriff genommen werden.


Das große Fest

Man stelle sich das Setting vor: Jesus feiert mit der Gruppe seiner engsten Vertrauten das letzte große Fest. Allen ist klar, dass es sein Abschied sein würde — allen ist bewusst, dass es einen Verräter unter ihnen gibt. Beim Fest sieht Jesus dem, der gleich die Polizei holen würde, um ihn zu verhaften, in die Augen und sagt: Du steckst gerade mit mir die Fritten ins gleiche Ketchup, und dann wirst Du mich ausliefern.

Und trotzdem: Jesus feiert mit ihnen allen. Er stellt den Verräter nicht bloß, er konfrontiert ihn nicht weiter. Er feiert mit ihm, das große Fest des Abschieds.

An diese Stelle muss ich so oft denken, wenn es gerade um die Verteidigung des Abendlandes geht. Und was da denn wohl christliches Handeln sein mag.


Jesus, unsere Sünden und Ostern

„Jesus ist für unsere Sünden am Kreuz gestorben! Ja, auch für Deine!“

Was aber, wenn das ganz anders gemeint ist? Was, wenn es nicht darum geht, dass er unsere Sünden auf sich genommen und sich geopfert hat? Vielleicht ist es so gemeint: die Menschen haben sich an Jesus versündigt — durch die Sünden des Volkes und der einzelnen ist er ans Kreuz gekommen und hat, ganz konkret, diese Sünden vor Gott gebracht. Die Verfehlungen hatten aber keine Macht. Er hat sich nicht geopfert, sondern: er kam wieder, von den Sünden befreit. Und damit zeigte er uns, dass Gottes Liebe größer ist. Niemand wurde bestraft, niemand „ist tot geblieben“, wie der Rheinländer so schön sagt. Das, was blieb ist die Liebe.

(Diese Gedanken fand ich in Nadia Bolz-Webers “Accidental Saints: Finding God in All the Wrong People”)


Mein Glauben

Mein Glauben macht mich offen für die Möglichkeit, dass es etwas größeres als die menschliche Vernunft gibt. Das bedeutet nicht, dass ich Vernunft nicht wertschätze; es bedeutet noch viel weniger, dass ich einen Konflikt zwischen Wissenschaft und Glauben sehe. Ich sehe aber auch die menschliche Vernunft nicht als das Maß aller Dinge oder als die höchstmögliche Instanz des Urteils – meine persönliche schon gar nicht, aber auch die der Menschheit als Gesamtes.

Ich bin davon überzeut: Gott hat uns Geist und Verstand gegeben, um sie einzusetzen. Um scharf zu denken, um zu lernen. Er hat uns die Neugier gegeben, die uns treibt und die uns dazu bringt, uns immer neue Fragen zu stellen und nach den Antworten zu suchen. Wenn wir das nicht tun, dann werden wir ihm — werden wir uns nicht gerecht. Aber wenn wir davon betrunken sind, dass wir Antworten finden, und wenn wir stolz darauf sind, dass es unser Geist ist, der das macht und eben nur mehr das als den höchsten Maßstab sehen, dann werden wir uns — dann werden wir ihm ebensowenig gerecht.


Zitat

“When you perform, you have a knife and it’s your blood. When you’re acting, you have ketchup and you don’t cut yourself.” — Marina Abramovic.


Danke

Gott,

ich danke Dir.

Ich durfte wunderbare Menschen treffen; ich durfte ihnen Gegenüber sein und mit ihnen reiche Gespräche führen.

Ich habe Vorträge erlebt, in denen Menschen sich öffneten und das Publikum an ihren Herzensthemen teilhaben ließen. Ich konnte Gedanken und Erlebnisse nachvollziehen, die mich bereichert und meinen Horizont erweitert haben.

Ich habe Themen und Fragen mitgenommen, die mich noch lange beschäftigten werden und mit denen auseinanderzusetzen mich herausfordern wird.

Ich danke Dir für wunderbare Tage.


Offenbarungen

Ich habe genau gesehen, wie mein Volk in Ägypten unterdrückt wird. Ich habe gehört, wie es um Hilfe schreit gegen seine Antreiber. Ich weiß, wie sehr es leiden muss, und bin herabgekommen, um es von seinen Unterdrückern zu befreien.

Das sagt Gott zu Mose. Zu Maria lässt er die Engel sprechen; zu Zacharias, zu Elisabeth, zu Johannes dem Täufer. Jedem sagt Gott etwas anderes; jeder hat seine persönliche Offenbarung – und kann zwar den anderen davon erzählen, aber das Wissen darum legt Gott nicht auch den anderen Menschen ins Herz oder lässt Engel es für alle verkünden.

Wie kann es dann sein, dass es einen verbindlichen Kanon des Glaubens gibt?


In seinem Bild

Wenn Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen hat — in seinem Bild.

Und wenn Gott eins ist.

Wie kann es dann so schrecklich klare Geschlechterrollen geben? Sollten wir dann nicht alleine schon aus dieser Verantwortung auf das Gleiche, auf das Gemeinsame sehen? Ja, sogar unterstellen, dass es gar nicht so viele Unterschiede gibt – und darauf hinarbeiten, das auch umzusetzen?


Leitbild

Ich möchte keine Kirche, die mir in einer unsicheren, unsteten und komplexen Welt scheinbar Sicherheit, Stabilität und klare Antworten gibt. Ich möchte lieber, dass sie mit mir die Unsicherheit aushält, die nächsten Schritte tastend setzt und das Terrain immer wieder neu erkundet.

Ich möchte keine Kirche, die sich von der Komplexität der Welt verschrecken lässt und sich auf immer kleiner werdende Felder der Gewissheit zurückzieht. Ich möchte lieber, dass sie mit mir Facetten erkundet, sich an der unergründlichen Vielfalt erfreut und offen dazu steht, dass es mehr Fragen als Antworten gibt.

Ich möchte keine Kirche, die mit einem engen System an Regeln und Vorschriften gängelt und einschränkt. Ich möchte lieber, dass sie Freiheit schenkt, uns mit dem, was sie zu geben hat reicher macht und aufzeigt, was es bedeutet: zu leben.


Segensgebet

Wir wollen bitten: Herr, sei mit uns.

Schenk uns auch in Momenten voll des Zweifels,ob wir unser Leben auf Dich bauen können die Klarheit, dass Du auf jeden Fall für die nächsten drei Atemzüge bei uns bist.

Schenke uns Erinnerung an die Gewissheit, dass wir immer zu Deiner Liebe zurückkommen können, die auf uns wartet wie das warme Kirschkernkissen unter der gemütlichen Decke an den nebeligen, kalten Tagen voll des Gegenwinds.

Schenk uns Achtsamkeit gepaart mit einer gewissen Vergesslichkeit, auf dass wir uns am Ende der Woche leicht auch an kleine guten Momente erinnern und es ganz schön anstrengend wäre, die nicht ganz so guten wieder hervorzuholen.

Dein Segen, er komme über uns und begleite uns in den Momenten in denen wir uns Dir Nahe fühlen und wir einen guten Dialog mit Dir halten und er begleite uns umso mehr in den Momenten, in denen uns diese Nähe unvorstellbar ist und in denen alles, was wir hören, nur unser eigenes Echo ist.

Das erbitten wir von Dir, großer Gott, der sich uns offenbart als Vater, Sohn und heiliger Geist.